Hat das Internet der Dinge für Unternehmen einen strategischen Wert? (D)


In der IT-Branche geht ein Gespenst um. Es nennt sich mal Industrie 4.0, mal Internet der Dinge (IoT) und es hat eine Menge Kinder. Die hören auf so illustre Namen wie Machine-to-Machine-Communication (M2M), Smarthome, Wearables, Beacons, Smart Cities, Connected Car, Embedded Systems und wer weiß noch auf was alles.

Sie sehen schon, das alles klingt ein wenig nach Kraut und Rüben und das ist es auch irgendwie. Denn einmal geht es um industrielle Fertigung und Vertrieb, das andere mal um Consumer-Artikel wie Smartwatches und Fitness-Armbänder oder etwas dazwischen, wie Googles Datenbrille Google Glass. Aber all diese Dinge (deshalb Internet der Dinge) haben etwas gemeinsam: Sie sind direkt oder indirekt per WiFi oder Bluetooth (genauer BLE bzw. Bluetooth Smart) mit dem Internet beziehungsweise untereinander verbunden. Und da letztendlich nahezu jedes Gerät angebunden werden kann, sprechen manche Fachleute mittlerweile sogar vom „Internet of Everything“, also quasi dem „Internet von allem und jedem“! Ganz falsch ist dieses Bild nicht.

Glaubt man den Marktforschern, dann ist IoT das Aufregendste, seit Erfindung des geschnittenen Brotes. So prognostiziert Gartner, dass bis 2020 26 Milliarden „Dinge“ mit dem Internet verbunden sein werden. Das entspräche einem Marktwert von satten 1,9 Billionen US-Dollar. IHS spricht davon, dass schon dieses Jahr rund sechs Milliarden mit dem Internet verbundene „Dinge“ hergestellt werden. PEW schließlich befragte 1.876 Experten zur Zukunft des Internets, die mehrheitlich dem Internet der Dinge eine ausgesprochen blühende Zukunft prognostizierten. Wer immer noch skeptisch ist, dem sei die Lektüre von „Ten IT-enabled business trends for the decade ahead“ von McKinsey empfohlen (erweiterte PDF-Fassung).

Vom Informations-Zeitalter zum Age of Context

Klar, die Zahlen und Analysen der Marktforscher und Berater sind, wie üblich, durchweg mit Vorsicht zu genießen. Unstrittig ist jedoch die Tatsache, dass das Internet der Dinge massiv auf dem Vormarsch ist. Jedem, der sich die Entwicklung der IT ansieht, sollte das schnell klar sein:

Am Anfang stand das Informationszeitalter oder „Information Age“. Postuliert in Bill Gates berühmter Rede anlässlich der Comdex 1990 mit dem grandiosen Satz „Information At Your Fingertips“. Es war der beginnende Übergang zum „Connected Age“ und damit zum Internet-Zeitalter. Hier gab es eine rasante Entwicklung von den statischen Webseiten des „Informational Web“ über das „Transactional Web“ mit E-Commerce-Plattformen wie Ebay und Amazon bis hin zum Web 2.0, dem so genannten Social- oder „Mitmach“-Web.

Unbemerkt verschob sich in dieser Zeit der Fokus vom PC-zentrischen Arbeiten hin zum Browser als Mittelpunkt des Geschehens. Das Web wurde quasi zum „Betriebssystem“, die Daten und Anwendungen wanderten in die Cloud. Und während dieser Prozess noch lief, kam der nächste Knall: Mit dem ersten iPhone begann das „Mobile Web“ und die App-Economy. PCs und Betriebssysteme werden seit dem immer unwichtiger, der Zugang ins Web immer und überall dafür um so mehr. 2013 kamen weltweit gesehen schon 25 Prozent des Internet-Traffics von mobilen Betriebssystemen. Der Fachausdruck für die überall und immer verfügbare Rechen- und Web-Power lautet übrigens Ubiquitous Computing, ein Konzept, das der Informatiker Mark Weiser schon 1988 formuliert hat. Soviel also zu neuen Konzepten…

Zurück in die Gegenwart und dem nächsten großen Schritt. Nach dem Informations- und Vernetzungs-Zeitalter bewegen wir uns rapide auf den nächsten Meilenstein zu, den „Age of Context“! Waren früher nur PCs miteinander vernetzt, sind es nun alle möglichen Geräte und eben „Dinge“. Von Tablets und Smartphones, über Produktionsanlagen mit jeder Menge Sensoren und Aktuatoren bis hin zu diversen medizinischen Geräten und so genannten Wearables wie Googles Datenbrille oder gar intelligenter Kleidung.

Ausschlag gebend ist dabei, dass jetzt nicht einfach der PC am Schreibtisch oder der Browser den Ausgangspunkt darstellen, sondern der Kontext, in dem sich der Nutzer oder ein Gerät bzw. „Ding“ befinden. Man kann beispielsweise im Büro am Schreibtisch sitzen, gerade im Auto zu einem Termin unterwegs sein oder im Fitnessstudio schwitzen. Je nach dem wo man ist, sind andere Informationen und Szenarien relevant. Am Arbeitsplatz möchte man beispielsweise am Bildschirm eine Benachrichtigung (Notification) erhalten, wenn der Chef eine E-Mail geschickt hat. Während der Dienstreise sollte die selbe Notification automatisch ins Auto geleitet werden und von Audiosystem vorgelesen werden. Im Fitnessstudio sollte hingegen die Smartwatch genau diese Nachricht ignorieren, dafür aber die des Lebenspartners im Display anzeigen. Und das logischerweise möglichst automatisch und ohne Zutun des Nutzers.

Im Zuge dieser Entwicklung können wir übrigens eine weitere Verschiebung des Fokus aus Nutzersicht beobachten: Nach PC und Browser wird nun die „Notification“ zum Ausgangspunkt der Nutzung. Das ist auch der Grund, warum Hersteller wie Apple, Google und Microsoft gerade diesen Features ihrer Betriebssysteme in letzter Zeit so viel Aufmerksamkeit schenken.

Wichtig ist jedenfalls, dass jeder Kontext im oben genannten Sinne zwei Dimensionen hat: Nämlich den Ort und die jeweilige Situation. Ist man gerade im Auto, im Geschäft oder zu Hause auf der Couch? Ist man gerade dabei seine Freizeit zu genießen, einzukaufen oder zu arbeiten? Wie auch immer, das ubiquitäre, also immer allgegenwärtige Web, die dank mobiler Geräte wie Tablets und Smartphones ständig verfügbare Rechenleistung gepaart mit dem Internet der Dinge wird jedenfalls unser Leben nachhaltig und grundlegend verändern. Wir werden Datenschutz und die Frage, wem welche Daten gehören genauso neu definieren müssen, wie wir uns an ein neues, und wenn alles gut geht, bequemeres Leben insgesamt gewöhnen müssen.

Internet der Dinge im Unternehmen – Industrie 4.0

Weniger offensichtlich aber mindestens genauso gravierend ist die „geschäftliche“ Seite des IoT, bei uns mehrheitlich Industrie 4.0 genannt. Im Ausland sprechen sie hingegen eher von M2M, für Machine to Machine Communication. Der „deutsche“ Begriff Industrie 4.0 ist das geistige Kind der staatlichen Wirtschaftssteuerung und damit durchaus mit Vorsicht zu genießen. Das ganze gipfelt in den „Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0“ (PDF). Das Problem: Das durchaus lesenswerte und maßgebliche Papier zeigt zwar, wie sich die Wirtschaft in einer vernetzten Welt ändern muss um konkurrenzfähig zu bleiben, die gesellschaftlichen Veränderungen durch das ubiquitäre Computing und Web kommen jedoch etwas zu kurz. Wer sagt denn beispielsweise, dass eine Industrie wie wir sie heute noch kennen auch morgen noch existieren wird?

Zumal wir in Zeiten leben, in denen jeder ein neues Unternehmen vom Wohnzimmer aus gründen kann, dank 3D-Druck, Arduino- und Galileo-Boards die Entwicklung als Kostenfaktor nahezu unbedeutend wird und Produktionsdienstleister rund um die Welt und Uhr für geringes Geld mit all ihren Ressourcen und Know-how zur Verfügung stehen. Wir leben nun mal in Zeiten, in denen die Prinzipien des Lean Startups und der Business Model Generation für den Erfolg wichtiger sind, als Produktions- und Entwicklungs-Know-how. Wertschöpfung entsteht außerdem zunehmend eher im Bereich Services und Software, als bei der reinen Hardware, egal ob diese aus Silizium oder Metall entsteht. Man nehme nur das Beispiel Tesla. Ist das wirklich ein Auto-Hersteller, oder doch eher ein Mobilitätsdienstleister, der vor allem Fahrerlebnisse und eine Elektrotankstellen-Infrastruktur liefert?

Unbenommen ist aber, dass der Begriff Industrie 4.0 die Sache durchaus gut charakterisiert. Sprachen wir weiter oben vom IT-Dreisprung aus „Information Age“, „Connected Age“ und „Age of Context“, können wir im Hinblick auf die Industrie die Entwicklung folgendermaßen charakterisieren: Es begann im 18. Jahrhundert mit der Mechanisierung in den Manufakturen, setzte sich fort mit der arbeitsteiligen Produktion am Fließband und führte mit der Einführung von computergesteuerten System zur Industrie 3.0. Mit Version 4.0 stellen jetzt Maschinenvernetzung, Smart Factories sowie mit Sensoren und Tags versehene Produkte, die wissen wo sie in der Produktions- und Lieferkette stehen, neue Maßstäbe. Ergänzend sei hier noch gesagt, dass die moderne Fertigung in Punkto Internet of Things schon lange weiter ist, als man gemeinhin glaubt. Denn die Zahl vernetzter Sensoren und Geräte ist in jeder halbwegs zeitgemäßen Fertigungsstraße jetzt schon höher, als irgendwo sonst. Jetzt gilt es dieses Know-how auf neue Bereiche auszudehnen und so zu optimierten Geschäftsprozessen und neuen Geschäftsmodellen zu kommen.

Das Internet der Dinge als strategisches Element

Wir haben gesehen, was das Internet der Dinge für den Einzelnen bedeutet (Age of Context, ubiquitäres Web) und was es für Industrie und Produktion für Veränderungen mit sich bringt. Fasst man diese zwei Welten zusammen und packt noch ein paar weitere aktuelle Entwicklungen wie Big Data und „Everything as a Service“ drauf, kann man sich leicht ausmalen, was IoT für die Art, wie wir in Zukunft leben, arbeiten und Geld verdienen werden, bedeuten wird.

Deshalb ist für Unternehmen jeglicher Art, vom produzierenden Betrieb, über den Dienstleister bis zum Kleingewerbe das Internet der Dinge sehr wohl ein strategisches Element. Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Denn betroffen sind sowohl die eigenen Produkte (sie müssen IoT-fähig sein), als auch der gesamte Geschäftsprozess, von der Herstellung über den Vertrieb bis zum Marketing. Wer hier jetzt nicht handelt, droht schon bald den Anschluss zu verlieren. Nachfolgend ein paar Beispiele, die lediglich nur einen Bruchteil des Spektrums abbilden:

  • Produktion: Das Stichwort ist hier allgemein „Industrie 4.0“ mit vernetzten Smart Factories und einer vollständig vernetzten Produktions- und Lieferkette. Sie bringt nicht nur Kostenvorteile und Flexibilität, sondern ist die Grundlage für vollkommen neue Angebote und Geschäftsmodelle.
  • Vernetzung zwischen Anbieter und Kunden: Sie rücken noch enger zusammen. Transparenz, ständige Information, noch engere Einbindung in die Prozesse beim Kunden und mehr Individualisierung. Auf der anderen Seite werden Unternehmen vollkommen neue Marketingoptionen erhalten.
  • Administration, Geschäftsprozesse und Business Intelligence: Weitgehende Transparenz und ständig aktuelle Insights (Stichwort: Big Data) durch Beacons, Sensoren etc. Dadurch Erschließung weiterer Optimierungspotentiale und Businessmodelle.
  • Öffentlichkeit und Governance: Smart Cities mit einer IoT-gesteuerten Infrastruktur, etwa einer intelligenten Straßenbeleuchtung oder Verkehrssteuerung. Für Anbieter und Dienstleister ergeben sich dadurch vollkommen neue Möglichkeiten. Riesige Optimierungs- und Einsparungspotentiale können erschlossen werden.
  • Persönliches Leben und Arbeiten, Konsumenten: Wearables wie Google Glass, Datenarmbänder (Quantified Self), Beacons, intelligente Kleidung und ständige Verfügbarkeit aller möglichen Informationen werden unser Leben einfacher, aber auch transparenter machen. Allein die Potentiale für Datenbrillen wie Google Glass füllen Bände: Vom Einsatz in der Logistik, dem Rettungswesen, der Medizin bis zur Dienstleistung. Überall wurden schon entsprechende Lösungen präsentiert.

Eines sollte dabei aber immer klar sein: IoT wird radikale Auswirkungen auf alle Lebensbereiche haben. Verantwortungsvolle Unternehmen tun gut daran, mit größter Vorsicht und vor allem Ehrlichkeit vorzugehen. Wer Datenschutz und die Selbstbestimmtheit von Mitarbeitern und Kunden ignoriert, könnte schon bald im Abseits stehen. Hinzu kommt, dass letztendlich auch die Gesellschaft und damit der Staat sich an die potentiell schöne neue Welt mit all ihren Auswirkungen, insbesondere den vielen, teilweise radikalen Rationalisierungsmöglichkeiten, anpassen müssen: Jahrzehntelang hat die Menschheit davon geträumt, dass in Zukunft kaum noch jemand arbeiten müssen wird. Die Gelegenheit ist jetzt da, wir müssen nur noch dafür sorgen, dass trotzdem alle gut leben können.

Dieser Post entstand in Zusammenarbeit mit dem HP Business Value Exchange Blog.

Grafik: © Mimi Potter – Fotolia.com

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